Bringt man ein Jazztrio mit einem klassischen Holzbläserensemble zusammen, so ist das Ergebnis nicht zwangsläufig Jazz. So auch nicht in diesem Fall. Das Album "Woodwinds" des Tübinger (Jazz-)Pianisten Rainer Tempel könnte man mit Fug und Recht in die Sparte "zeitgenösische Klassik" einordnen.
Rainer
Tempel - "Woodwinds"
Auch der formale Ansatz ist eher klassisch orientiert: geboten wird im Wesentlichen eine achtteilige "Suite", die entsprechend in "Parts", nicht aber einzeln betitelte Stücke gegliedert ist (der schließende Jazz-Klassiker "Someday My Prince Will Come" stört das Bild nicht). Die Musik ist eher zurückhaltend als spröde (das auch manchmal), drängt sich nicht mit Knalleffekten auf, weist aber nirgends die kühle Unzugänglichkeit auf, die man bei "Neuer Musik" oft findet.
Die Bühne gehört anfangs dem Holzbläserquartett aus Michaela Veil (fl), Heike Rügert (cl), Kirsty Wilson (oboe) und Libor Sima (fagott). Das Jazztrio, mit Tempel selbst am Klavier, Eckhard Stromer (dr) und Markus Bodenseh (b), setzt behutsam, fast unmerklich ein, schiebt sich aber in den anschließenden "Folgen" weiter in den Vordergrund mit einem Fokus auf's Klavier in "Part III" und Schlagzeug-Intermezzos in "Part IV" und "VII". Hier nimmt die Musik an Rasanz zu, kommt aber immer wieder zu klassisch-feierlich anmutenden Bläsersätzen zurück.
Die beiden Stile, Jazz und Klassik, nähern sich einander an, ohne sich vollständig zu durchdringen oder zu vermengen. Interessant ist der Gegensatz zwischen Disziplin und Improvisation, der die beiden Ensembleteile charakterisiert. Jedenfalls: "Woodwinds" ist nicht die oft übliche Klassik-meets-Jazz-Melange, sondern ein ernsthaftes, hörenswertes Werk.
Frank Bongers
CD: Rainer Tempel - "Woodwinds" (Rodenstein/SIB ROD 21)
Rainer Tempel im Internet: www.rainertempel.de
Rodenstein Records im Internet: www.rodenstein-records.com
Cover:Uli Gleis